Elias Hirschl “Content“
Elias Hirschl ist ein österreichischer Autor und Musiker. Er gewann 2014 die österreichischen Poetry-Slam-Meisterschaften und im Jahr darauf wurde er Dritter bei den Europameisterschaften. Als Autor wurde er 2022 zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eingeladen, sein jüngster Roman „Content“ landete auf der ORF Bestenliste.
„Content“ spielt in einer Stadt im Ruhrgebiet, der „Staublunge“, die vom ehemaligen Kohlebergbau völlig unterhöhlt ist. Immer wieder brechen Menschen und Fahrzeuge in die stillgelegten Stollen ein, obwohl die Stadtverwaltung bemüht ist, die Hohlräume mit Beton aufzufüllen und das Wasser mit riesigen Pumpen aus den Bergwerken zu entfernen.
In dieser gespenstischen Umgebung hat sich neben Startup-Unternehmen die Firma „Smile Smile“ angesiedelt, eine Content-Farm, die groteske Memes, Listen und Videos für You-Tube und Instagram herstellt und in der junge Menschen arbeiten, die vergeblich versucht haben als Schriftsteller erfolgreich zu sein. So auch Karin, deren Lebenstraum es ist, für eine amerikanische Late-Night-Show zu arbeiten. Sie verfasst „Listicles“ – absurde Listen für das Internet mit Titeln wie „Die sieben dümmsten Arten auf einem Besen zu fliegen“. Martha, eine weitere Mitarbeiterin, dreht Videos, in denen zum Beispiel zu sehen ist, wie Nokia Handys durch eine hydraulische Presse gejagt werden. Das Ausüben dieser sinnlosen Tätigkeiten bringt Karin in die Psychiatrie und eine Kollegin, die namenlos bleibt, berichtet vom weiteren Schicksal der Kollegen und der Stadt.
Die Ich-Erzählerin führt ein ähnlich trostloses Leben wie Karin und muss eines Tages bemerken, dass ihre Identität gestohlen wurde und sie keinen Zugriff mehr auf ihr Handy und ihren Computer hat. Aus diesem Grund übernimmt sie Karins Computer und schlüpft immer mehr in deren Leben. Als ihre Wohnung abbrennt, zieht sie zu Karin, die wieder aus der Anstalt entlassen wurde und kurz darauf nach Amerika zieht, da sie das Angebot erhalten hat, in einer Late-Night-Show mitzuwirken.
Mit der Stadt und der Ich-Erzählerin geht es bergab; die Stadt wird überschwemmt und die Ich-Erzählerin nimmt an ihrem eigenen Begräbnis teil.
„Content“ ist eine bitterböse Satire auf die Inhalte, die im Internet zu finden sind, und auf die Sinnentleertheit alles Digitalen. Identitäten verschwimmen, lösen sich auf, werden gestohlen, neu generiert und führen ins Leere. Die Stadt, die auf ehemaligen Kohlebergwerken errichtet ist, dient als Spiegel dieses Zustands. Das Fundament ist brüchig und trägt nicht mehr, die Realität wird unterhöhlt und schließlich wird alles weggespült.
Ein Buch, das die negativen Auswirkungen unseres digitalen Zeitalters aufs Korn nimmt und ins Groteske überhöht. Am Schluss bleibt nichts mehr übrig, an das man sich klammern könnte, nicht einmal die eigene Identität.
Schwer zu verdauen, aber dennoch lesenswert.
Prof. Münzer-Jordan