Gudrun Seidenauer “Libellen im Winter“

Anfangs sind es drei Frauen, die ein ähnliches Schicksal zusammenführt und zu Freundinnen werden lässt. Alle drei haben traumatische Kriegserfahrungen und Enttäuschungen durch Männer erlitten. Alle drei haben ein Geheimnis, das sie einander nach und nach anvertrauen.

Mali, eine junge Frau, ist nach ihrer Flucht vor der Roten Armee in Wien gelandet. Sie ist schwanger. Ihre große Liebe Roland, der Vater des Kindes, hat sie verlassen. Er weiß nichts von seinem Sohn Robert.

Vera, die verzweifelt eine Unterkunft sucht, kommt bei Mali unter. Sie passt auf Robert auf, während Mali arbeitet.

Die dritte Frau ist Grete, Dolmetscherin bei der amerikanischen Besatzung. Sie entdeckt bei einem ermordeten Soldaten Hinweise auf die Schuld von Vera als Täterin und schließt sich den beiden anderen Frauen an. So treffen die drei Frauen aufeinander. Es sind starke, lebensbejahende Frauen, alle drei mit dem Bestreben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, obwohl dies in der Nachkriegszeit ohne männlichen Beistand schwierig bis unmöglich ist, denn alle drei Frauen sind in ihrem Alltag der Willkür und Macht von Männern ausgeliefert, von ihnen hängt ihr Leben und Überleben ab: „Alle Welten, die Grete kannte, waren Männerwelten: Es war ihr Krieg gewesen, jetzt war es ihr Frieden. Die Frauen begleiteten sie, als Objekte ihrer Sehnsucht, als ihre Helferinnen, Antreiberinnen, Mitwisserinnen, Opfer, sie blieben Schatten, die nicht aus sich selbst sein, hoffen, wünschen konnten. Nicht zu denken war an Glück oder Sinn ohne Männer.“

Gudrun Seidenauer erzählt von der Not der Nachkriegszeit und dem folgenden Wohlstand; von dem Verdrängen und Verschweigen der traumatischen Kriegserfahrungen, aber auch der Schuld durch Beteiligung an Kriegsverbrechen oder durch Mittäterschaft.

In den letzten Kapiteln kommt Manal als vierte Frau dazu. Sie ist Jezidin und vor dem IS nach Wien geflohen. Manal hat auch Gewalt durch Männer erfahren, kennt Angst und Flucht und möchte auch ein gutes, selbstbestimmtes Leben führen. Sie wird Teil dieser Frauengemeinschaft.

„Libellen im Winter“ ist ein gut und flüssig erzähltes Buch, eine spannende Geschichte, die Figuren sind gut vorstellbar. Der Teil mit der vierten Frau Manal ist keine wirkliche Bereicherung des Romans, er wirkt vielmehr wie angestückelt.

Anschaulich, spannend! Lesenswert!!

Prof. Münzer-Jordan

Zurück