Haruki Murakami “Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“
Dieser Roman ist zum 75. Geburtstag des japanischen Autors erschienen. Er ist aus einer Kurzgeschichte entstanden und sein Autor hat lange daran gearbeitet. Haruki Murakami ist 1949 in Kyoto geboren und hat längere Zeit in Europa und den USA gelebt. Er ist ein gefeierter, mit höchsten Literaturpreisen ausgezeichneter Schriftsteller. Er hat zahlreiche Romane und Erzählungen geschrieben.
Der Erzähler, ein namenloser 17-jähriger Jugendlicher verliebt sich unsterblich in ein gleichaltriges Mädchen. Es ist ein sehr schönes Mädchen, klein, zierlich, mit einem runden Gesicht und einem schwarzen Pony. Aber das Mädchen verschwindet spurlos, denn, so wie sie ihm erzählt, lebt ihr „wahres“ Ich in einer fernen, ummauerten Stadt.
Auf seiner Suche nach ihr gelangt der Junge in diese Stadt und wird Traumleser in der Bibliothek. Die dort aufgehobenen Träume lesen zu können ist eine besondere, sehr seltene Fähigkeit, denn in diesen alten Träumen liegt der Schlüssel zum Verständnis des Lebens. Er trifft auch das Mädchen, aber sie erkennt ihn nicht mehr.
Um in der Stadt bleiben zu können, muss der Junge seinen Schatten, von dem er sich beim Betreten der Stadt trennen musste, sterben lassen. Ohne Schatten lebt er ohne Seele, ohne Erinnerungen und Gefühle. Er entscheidet, dass er ohne Schatten nicht leben will und verlässt die ummauerte Stadt.
Freudlos nimmt er sein normales Leben wieder auf. Er studiert und arbeitet viele Jahre im Buchhandel. Der Junge, inzwischen ein 45-jähriger Mann geworden, sehnt sich immer noch nach dem Mädchen, seiner großen Liebe. Er kann sich in keine andere Frau verlieben. Er bewirbt sich um eine Stelle in einer computerlosen Bücherei und trifft dort auf den früheren Leiter, einen Geist. Diese Bibliothek hat Ähnlichkeiten mit jener in der ummauerten Stadt. Auch hier verschwimmen die Grenzen zwischen Fantasie und Realität.
Noch einmal kehrt der Ich-Erzähler mit einem Jungen, der unter allen Umständen Traumleser werden will, in die Stadt zurück. Aber auch diesmal bleibt er nicht für immer, er verlässt die Stadt wieder.
„Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ ist die Geschichte der ersten großen Liebe zwischen zwei Jugendlichen, die den Jungen über Jahrzehnte seines Lebens begleitet. Er bleibt zeitlebens einsam auf der Suche nach seiner großen Liebe. Diese Suche führt ihn in eine andere Welt.
Die Handlung des Romans ist kunstvoll konstruiert, verschachtelt. Es gibt keine konkrete Botschaft, keine Lösung, nur eine Reihe von seltsamen, miteinander verschlungenen Geschehnissen. Der Wechsel von Realität und Traumwelt wird immer wieder vollzogen.
Die Sprache des Buches ist poetisch, voll von schönen Bildern. Es ist leicht zu lesen und lädt zum Philosophieren und Spekulieren über die Bedeutung ein.
Lesenswert!!!
Prof. Münzer-Jordan