Dacia Maraini “Ein halber Löffel Reis“
Dacia Maraini, deren Mutter Topazia einem verarmten sizilianischen Adelsgeschlecht entstammt und deren Vater Fosco Maraini ein Anthropologe und Japanologe ist, ist 1936 in Fiesole bei Florenz geboren. 1938 übersiedelten ihre Eltern nach Japan, wo ihr Vater an der Universität Kyoto unterrichtete. Ihre Eltern waren strikte Gegner des Faschismus.
1943 wurde ihre Familie, zwei Schwestern waren dazugekommen, auf Grund der antifaschistischen Haltung der Eltern und deren Weigerung, die japanischen Militärgesetze anzuerkennen, in ein Konzentrationslager gebracht. Erst 1946 konnte die Familie nach Italien zurückkehren. Sie lebten in Sizilien bei den Großeltern mütterlicherseits. Nach der Trennung der Eltern lebte Dacia, um die Schule zu beenden, bei ihrer Mutter, dann zog sie mit 18 Jahren zu ihrem Vater nach Rom. Sie beginnt, Kurzgeschichten zu schreiben und findet Anschluss an italienische Literaturkreise.
Das Buch „Ein halber Löffel Reis“ erzählt von der Zeit im japanischen Lager. Hier erlebt die Familie Hunger, Leid und Krankheit. Für die Kinder gab es keine vorgesehenen Essensrationen, ihnen musste von jedem erwachsenen Gefangenen, es waren dreizehn außer ihrer Familie, ein halber Löffel Reis abgezweigt werden. Das war sehr wenig.
Dacia Maraini schildert die Grausamkeiten der Wächter, den fürchterlichen Hunger, an dem sie alle leiden, der sie Ameisen und Schmutz essen lässt. Sie beschreibt neben dem Hunger auch das Leiden unter Kälte, Schlafmangel und Mangelkrankheiten, die ständigen Durchfälle und die allgegenwärtige Bedrohung mit dem Tod. Die am Beginn der Inhaftierung vorhandene Solidarität unter den Gefangenen verschwindet und macht großer Verzweiflung und Egoismus Platz.
Dazwischen gibt es Passagen, in denen die Autorin ihre lesenswerten Ansichten über Literatur, Musik, über Fanatiker und Menschenrechte beschreibt.
Dacia Maraini gelingt es, in einer Art und Weise zu schreiben, die trotz Schilderung einer schrecklichen Zeit ihre Liebe zu ihrer Familie, zum Leben, zu Japan als dem Land ihrer Kindheit immer wieder spürbar werden lässt.
Der Leser muss nicht laufend an den Misshandlungen der Gefangenen teilnehmen. Es ist ein versöhnlicher Ton.
Ein gescheites, berührendes, versöhnliches Buch.
Sehr lesenswert!!
Prof. Münzer-Jordan