Melara Mvogdobo „Großmütter“
Die Autorin Melara Mvogdobo wurde 1972 in Luzern geboren. Sie hat Pädagogik studiert und lebte nach der Geburt ihrer drei Söhne in der Dominikanischen Republik, in Kamerun und in der Schweiz. Seit 2022 lebt sie mit ihrer Familie in Andalusien. „Großmütter“ ist der zweite Roman der Autorin und wurde 2025 mit dem Schweizer Publikumspreis ausgezeichnet.
Es geht um zwei Großmütter, die unter völlig unterschiedlichen Lebensbedingungen in unterschiedlichen Kulturen aufwachsen. Gemeinsam ist ihnen die Frauen verachtende und herabwürdigende Art, die sie beide erleiden müssen, nicht nur von Männern, sondern auch von anderen Frauen, die nicht fähig sind, einer Leidensgenossin beizustehen, nicht einmal ihr mitleidsvoll oder barmherzig zu begegnen.
Beide Frauen erzählen in kleinen Abschnitten aus ihrem Leben. Die in der Schweiz Geborene wächst auf dem Bauernhof ihrer Eltern mit fünf Geschwistern unter sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Früh muss sie mitarbeiten und ihr Wunsch, Krankenschwester zu werden, wird abgelehnt von der Mutter mit der Begründung, dass ein Mädchen nicht gescheit sein muss. Sie wird auf den Hof eines Großbauern geschickt und dort von einem Knecht geschwängert, der keine Verantwortung übernimmt und verschwindet. So muss sie zu ihren Eltern zurückgehen, für die sie nur Schande gebracht hat. Ihr Kind, ein Sohn, wird ihr weggenommen und zu einer Pflegefamilie gegeben. Sie sieht ihn nie wieder.
Schließlich findet sich einer, der sie trotz ihrer Schande heiratet und sie sehr schlecht behandelt.
Die zweite Großmutter wird in Kamerun geboren. Ihre Familie ist wohlhabend. Als Mädchen ist sie nicht willkommen, weil ihr Vater einen Sohn will. Seine Frau hat bisher nur Mädchen geboren und wird dafür von ihm und der Familie verachtet und als unfähig angesehen.
Auch sie darf keine Ausbildung machen, ihr Vater hofft, viel Geld von ihrem zukünftigen Ehemann zu bekommen, da sie sehr schön ist. Bei der Hochzeit verweigert sie ihre Zustimmung, ihr Mann darf keine zweite Frau ins Haus bringen. Mätressen sind ihm jedoch gestattet. Für diese Weigerung wird sie ihr Mann ein Leben lang schlecht behandeln und die ganze Familie ist gegen sie. Auch sie bekommt wie ihre Mutter nur Mädchen.
Das Schicksal beider Frauen ist unmenschlich, aber beide verlieren sich nicht selbst und haben die Kraft, unterschiedliche Lösungen zu finden. Die Autorin Melara Mvogdobo hat ein eindringliches, bewegendes Buch geschrieben. Sie deckt nichts auf, was uns nicht schon bekannt ist, aber sie zeigt auf, wie sehr Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen noch immer normal, selbstverständlich sind, weil sie von staatlichen oder religiösen Ideologien unterstützt, abgesichert sind.
Sehr lesenswert!!!
Prof. Münzer-Jordan