Toni Morrison „Rezitativ“

Toni Morrison wurde 1931 in Ohio geboren. Sie war Professorin für afroamerikanische Literatur an der Princeton Universität. Toni Morrison hat zahlreiche Preise gewonnen, sie war die erste schwarze Autorin, die 1933 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat. Zu ihren bedeutendsten Werken zählen „Sehr blaue Augen“, „Salomons Lied“, „Menschenkind“ und andere. Toni Morrison ist im August 2019 gestorben.

„Rezitativ“ ist 1983 erschienen und liegt nun in deutscher Übersetzung von Tanja Handels vor. Die nur 40 Seiten umfassende Erzählung handelt von zwei Freundinnen ungleicher Hautfarbe, Roberta und Twyla, und spannt einen Zeitbogen von ihrem achten Lebensjahr bis in ihr Erwachsenenalter.

Roberta und Twyla lernen einander als achtjährige im Kinderheim kennen. Beide bedürfen Fürsorge außerhalb ihrer Familien, als Begründung gibt Twyla an, ihre Mutter tanze die ganze Nacht, und die Mutter von Roberta sei krank. Die Mütter der beiden Mädchen sind sehr verschieden. Twylas Mutter ist schrill und ungepflegt, Robertas Mutter ist sehr groß und mit Bibel und Kreuz ausgestattet. Beide Mädchen sind nur vorübergehend im Heim, und als sie wieder zu ihren Familien zurückkehren, reißt ihr Kontakt ab.

Acht Jahre später, sie sind beide zu Teenagern geworden, treffen sie einander in einem Lokal an einer Schnellstraße. Twyla arbeitet dort als Servierkraft. Zwölf Jahre später treffen sie in einer Shopping Mall aufeinander. Roberta hat sehr reich geheiratet, Twylas Mann ist bei der Feuerwehr, und sie hat einen Sohn.

Das nächste Mal sehen sie einander bei einer Protestkundgebung wieder. Es geht darum, Schüler mit Bussen in andere Schulen zu bringen, damit schwarze und weiße Kinder gemeinsam lernen können. Zum nächsten Mal sehen sie sich am heiligen Abend in einem Lokal. Ihre unterschiedlichen wirtschaftlichen Verhältnisse sind offensichtlich.

In den Gesprächen von Roberta und Twyla geht es immer wieder um Meggie, die als Hilfskraft im Kinderheim tätig war und die von allen schikaniert und verspottet wurde. Ihre Erinnerungen, vor allem welche Rolle sie dabei eingenommen haben, sind unterschiedlich.

Toni Morrison hat mit „Rezitativ“ ein Meisterwerk geschaffen, in dem es um Identität, Rasse und Vorurteile geht. Weiters ist die Erzählung ein Verwirrspiel, denn es ist für den Leser nicht zu klären, wer von den beiden Mädchen schwarz oder weiß ist. Der Leser wird mit seinen unterschwelligen Vorurteilen über Rassenzugehörigkeit konfrontiert. Er muss erkennen, dass seine Hilfsmittel zur Entschlüsselung, wer weiß oder schwarz ist, nicht zur Lösung führen, sondern der Aufdeckung seiner eigenen Vorurteile dienen.

Ein gescheites, erschreckendes und nachdenklich stimmendes Buch.

Absolut lesenswert!!!

Prof. Münzer-Jordan

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