Fatma Aydemir „Dschinns“
Fatma Aydemir ist eine deutsche Journalistin und Schriftstellerin mit kurdisch-türkischen Wurzeln. Ihr Roman „Dschinns“ stand 2022 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.
In „Dschinns“ geht es um das Schicksal der Familie Yilmaz. Das Familienoberhaupt Hüseyin ist nach Deutschland emigriert, um Geld zu verdienen, und holt seine Frau Emine und die Kinder Perihan und Hakan nach einigen Jahren nach. Seine Tochter Sevda bleibt bei ihren Großeltern in der Türkei und übersiedelt erst mit 15 Jahren nach Deutschland zu ihren Eltern. Der Nachzügler Ümit vervollständigt die sechsköpfige Familie.
Vater Hüseyin und Mutter Emine werden in Deutschland nicht heimisch; es fällt ihnen schwer sich einzugliedern und die Beziehung zwischen Emine und Hüseyin ist von Frustration und Sprachlosigkeit geprägt, Auch ihre Kinder haben es nicht leicht, die Balance zwischen den traditionellen Vorstellungen ihrer Eltern und den Werten ihrer neuen Heimat zu finden. Die beiden Töchter Perihan und Sevda sind sehr unterschiedlich. Während Perihan ein Studium abschließt, geht Sevda in Deutschland kaum zur Schule und heiratet auf Wunsch ihrer Eltern einen Mann, der sich wenig um sie und ihre zwei Kinder kümmert und das Familieneinkommen verprasst. Schließlich trennt sich Sevda von ihm und eröffnet ihr eigenes Restaurant.
Als Hüseyin in Pension geht, erfüllt er sich seinen großen Wunsch, eine Eigentumswohnung in Istanbul. Aber kaum hat er diese fertig eingerichtet, stirbt er an Herzversagen und seine Frau und seine Kinder reisen nach Istanbul zu seinem Begräbnis. Gemeinsam in der neuen Wohnung kommt es zu einer großen Auseinandersetzung zwischen Mutter Emine und Sevda, in der ein bedrückendes Familiengeheimnis gelüftet wird.
Ein Dschinn ist in der islamischen Tradition ein Geist, der unter den Lebenden weilt. Dieser Roman ist voll von solchen Geistern, die sich als schmerzhafte Erinnerungen, verpasste Chancen und fehlendes Vertrauen manifestieren. Jedem der Charaktere ist ein Kapitel im Roman gewidmet, das Aufschluss über die einzelnen Lebensgeschichten gibt und die individuellen Dschinns der Figuren beschwört.
Ein spannender Familienroman, der um persönliche Verletzungen und geplatzte Lebensträume kreist und der eindrücklich zeigt, wie wichtig es ist, die Geister heraufzubeschwören, indem man über sie spricht. Denn nur so können sie gebannt werden.
Unbedingt lesen!
Prof. Münzer-Jordan