Christine Wunnicke „Wachs“
Die deutsche Autorin und Übersetzerin Christine Wunnicke hat Linguistik und Psychologie studiert und arbeitet seit mehr als dreißig Jahren als freie Schriftstellerin. Mehrerer ihrer Werke waren bereits auf der Auswahlliste für den Deutschen Buchpreis zu finden, auch „Wachs“ stand 2025 auf der Shortlist.
„Wachs“ handelt von zwei historischen Frauengestalten, die im 18. Jahrhundert in Frankreich gelebt haben. Zuerst lernt der Leser Marie Bihéron kennen, die Tochter eines Apothekers, die schon als Dreizehnjährige Leichen seziert, da sie sich leidenschaftlich für Anatomie interessiert. Die junge Marie nimmt Zeichenunterricht bei der um fast zwanzig Jahre älteren Madeleine Basseporte, die später zu einer berühmten Pflanzenzeichnerin im Garten des Königs wird.
Marie – von ihrer Mutter verlassen – sucht die Nähe von Madeleine und die beiden Frauen ziehen zusammen und gehen eine Liebesbeziehung ein. Maries Karriere beginnt, als sie auf die Idee kommt, anatomische Modelle aus Wachs anzufertigen. Diese sind nicht nur in Paris ein großer Erfolg, da sie sich sowohl gut als Anschauungsmaterial für angehende Ärzte als auch als Dekorationsobjekte für adelige Haushalte verkaufen. Marie gibt sogar dem berühmten französischen Philosophen Denis Diderot Anatomieunterricht.
Madeleine stirbt kurz nach Ausbruch der Französischen Revolution und Marie wird krank und kann ihr Bett kaum noch verlassen. Gepflegt wird sie von ihrem Ziehenkel Edmé, der sich im revolutionären Paris durchschlägt und Marie auf ihren Wunsch hin in einem Leiterwagen durch die Hauptstadt führt, die von der Terrorherrschaft gezeichnet ist.
Wunnickes Roman ist eine lose verbundene Ansammlung von Episoden aus dem Leben der beiden Frauen. Erzählt wird nicht linear, sondern in Zeitsprüngen. Diese Episoden beleuchten das Schicksal der beiden Protagonistinnen und zeichnen sich durch skurrile Details und eine sehr lebendige Sprache aus.
Ein durchgängiges Thema des Romans besteht darin, dass sich die beiden Frauen der von Männern dominierten Welt nicht anpassen, sie kämpfen um ihre Unabhängigkeit und um die Möglichkeit, ihre Leidenschaften – die Anatomie und das Zeichnen – zu verfolgen.
Ein ungewöhnliches Buch.
Lesenswert!
Prof. Münzer-Jordan