Fang Fang „Glänzende Aussicht“

Die chinesische Autorin Fang Fang, die 1955 geboren ist, lebt in der Millionenmetropole Wuhan, die in der Covid Pandemie besonders stark betroffen war. Zu dieser Zeit veröffentlichte sie in den sozialen Medien das „Wuhan Diary“, das von den chinesischen Autoritäten zensiert wurde. Durch ihre kritischen Auseinandersetzungen geriet die ehemals angesehene Autorin in China in Ungnade.

„Glänzende Aussicht“, erschienen 1987, in deutscher Übersetzung erst 2024, wird aus der Perspektive eines ungewöhnlichen Ich-Erzählers berichtet. „Bruder Acht“ – so sein Name – ist schon im Alter von zwei Wochen gestorben und liegt unter dem Fenster seiner Familie begraben – von dort aus kommentiert er das Geschehen.

Die Eltern der elfköpfigen Familie, die aus sieben Söhnen und zwei Töchtern besteht, sind in den siebziger Jahren aus der Provinz Henan in Zentralchina nach Wuhan gezogen, um den ständig wiederkehrenden Hungersnöten zu entgehen. Dort leben sie mit vielen anderen Landflüchtigen in den „Henan Baracken“, zu elft in einem dreizehn Quadratmeter großen Raum, gleich neben der Bahnlinie. Sie werden von den Einheimischen verachtet.

Der Vater der Familie ist es gewohnt, sich mit körperlicher Gewalt durchzusetzen. Er prügelt seine Frau, seine Kinder und besäuft sich regelmäßig. Hauptziel seiner Attacken ist Bruder Sieben. Er muss unter dem Bett der Eltern schlafen, wird misshandelt und trägt wie alle seine Geschwister zum Überleben der Familie bei, indem er übrig gebliebenes Gemüse von den Äckern stiehlt und im Mist nach Verwertbarem sucht. Aber ausgerechnet Bruder Sieben gelingt es als erstem, dem gewalttätigen Arbeitermilieu zu entkommen, indem er den Wert der Bildung erkennt, seine Chancen nützt und zu einem hohen Funktionär in der kommunistischen Partei Chinas aufsteigt.

Nach und nach verlassen alle Kinder das alte Zuhause und gehen ihrer Wege, die erfolgreich sind, aber sich bei manchen auch durch Gewalt und Betrug auszeichnen.

In „Glänzende Aussicht“ ist es Fang Fang gelungen, die Aufbruchsstimmung der achtziger Jahre nach dem Ende der Kulturrevolution wiederzugeben. Detailliert, in erschütternden Einzelszenen, zeichnet sie das Bild einer chinesischen Arbeiterfamilie, deren einziger „Reichtum“ ihre Kinder sind.

Trotz der Unterdrückung durch den Vater gelingt es Bruder Sieben, gesellschaftlich aufzusteigen, indem er das Ende der Kulturrevolution nützt, um sich zu bilden. Manche seiner Geschwister bleiben dem patriarchalen System verhaftet, es gelingt ihnen nicht, ihren eigenen Weg zu finden.

„Glänzende Aussicht“ ist ein erschütterndes Buch.

Lesenswert!

Prof. Münzer-Jordan

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