Andrea Bajani „Der Jahrestag“

Andrea Bajani ist 1975 in Rom geboren. Er ist im Piemont aufgewachsen und lebt in Zürich. Er ist für Theater und Radio tätig und schreibt für verschiedene Tageszeitungen. Für seinen Roman „Lorenzos Reise“ hat er zahlreiche Preise erhalten. „Der Jahrestag“ wurde 2025 mit dem wichtigsten italienischen Literaturpreis, dem „Premio Strega“, ausgezeichnet.

Der Roman beginnt mit einem Jubiläum, der Protagonist feiert den zehnten Jahrestag, seit er den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen hat. Er hat eine unüberwindliche Mauer errichtet, um seiner Familie zu entkommen. Er meint, diese zehn Jahre wären seine besten gewesen.

Die folgende Erzählung über seine Kindheitsfamilie, über die in ihr herrschenden Dynamiken, liegt in der Beschreibung scheinbar oberflächlicher Alltagsbeobachtungen sowie in der Aneinanderreihung von Fakten.

Im Zentrum steht die Mutter. Sie hat ihr eigenes Leben aufgegeben, um den Ansprüchen ihres Mannes genügen zu können. Sie wehrt sich nicht und lässt zu, dass der Vater die Kinder tyrannisiert. Sie ist in der Opferrolle und in der einer Mittäterin.

Den Sohn beschäftigen Fragen wie: Wer seine Mutter vor diesem Leben war, was geschehen ist, damit sie bereit war, sich selbst aufzugeben. Wie ist es zu ihrem Verhältnis zum Vater gekommen, das einerseits eine unglückliche Beziehung ist, andererseits eine Liebesgeschichte. Das Paar hat beschlossen, bis zum Ende zusammen zu bleiben, wie Verbündete.

Schließlich beschließt der Sohn, weil es für sein weiteres Leben, seine Entwicklung notwendig ist, sich von seinen Eltern loszusagen, den Kontakt zu ihnen abzubrechen.

Dem Autor ist es ein Anliegen zu verstehen, warum der Kontaktabbruch zu den eigenen Eltern ein Tabu ist. Alle anderen Formen von Beziehungen, in denen Gewalt oder Missbrauch herrscht, können rechtlich und sozial gelöst werden. Der Bruch zu den eigenen Eltern ist scheinbar davon ausgenommen.

Ein interessantes, lesenswertes Buch!

Prof. Münzer-Jordan

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