Yrsa Sigurðardóttir: „Schnee”

Yrsa Sigurðardóttir (*1963) ist eine isländische Schriftstellerin und Ingenieurin. „Das letzte Ritual“ (2005) gilt als ihr Krimidebüt. Die Übersetzung ihrer Bücher ist in nunmehr 30 Sprachen erfolgt. Der Island-Thriller „Schnee“ erschien 2022.

Ähnlich wie in „Nebelmord“ (2013) – zu diesem Krimi gibt es, wie aufmerksamen Lesern und Leserinnen wohl nicht entgangen ist, bereits eine Rezension auf unserer Schulhomepage – wird Spannung durch drei verschiedene Handlungsstränge erzeugt. Auch in diesem Thriller rätseln die Leser*innen, wie diese miteinander verbunden sind.

Zwei Pärchen aus Reykjavík, Anfang dreißig, wollen ihrem Alltag entfliehen. Da kommt es ihnen gerade recht, dass sie Haukur kennenlernen. Er lässt sich dazu überreden, sie auf eine ungewöhnliche Expedition ins Naturschutzgebiet Lónsöræfi im Osten Islands mitzunehmen. Geplant ist, in einer Hütte und schließlich in einem Zelt zu übernachten, um in den wenigen Stunden des Tageslichtes ein Messergebnis für seine Doktorarbeit am Rande des Vatnajökull-Gletschers ablesen zu können. Und das im tiefsten Winter, wo das Hochland von den Isländern wegen seiner Gefährlichkeit tunlichst gemieden wird. Schon bei der Ankunft in der Hütte überkommt Dröfn ein ungutes Gefühl. In der Nacht glaubt sie, eine erfrierende Frau neben ihrem Bett zu erkennen und morgens ihre Hilfeschreie zu hören. Die Gruppe bricht zum Gletscher auf und begibt sich in Lebensgefahr. Ein furchteinflößendes Flüstern begleitet sie; ein Unterscheiden zwischen Realität und Einbildung ist in dieser Extremsituation nur noch schwer möglich.

Die Leser*innen treffen auch auf die Rettungskräfte, die in der Woche darauf nach der Gruppe suchen. Die mit den Folgen eines Unfalls kämpfende Jóhanna, die Teil des Rettungstrupps ist, stößt in der Hütte auf deren wärmende Kleidung und Schuhe. Es irritiert sie, dass die Vermissten diese nicht bei ihrer Wanderung getragen haben.

Zeitgleich befasst sich ein dritter Handlungsstrang mit Hjörvar. Er genießt es, meist allein auf einer entlegenen Radarstation in Stokksnes zu arbeiten. Kater Kisi, der ihm zugelaufen ist, leistet ihm Gesellschaft. Über Hjörvars toten Vorgänger, der in den Felsschacht vor der Station gestürzt ist, erfährt er nicht viel. Es ist unklar, ob es sich um einen Unfall oder doch um Selbstmord gehandelt hat. Als er eine Kinderstimme zu vernehmen glaubt, bekommt er es mit der Angst zu tun. Zu seinen eigenen Kindern hat er ein schwieriges Verhältnis. Auch jenes zu seinen Eltern ist zu deren Lebzeiten von frühester Kindheit an getrübt gewesen. Der im Garten seines Elternhauses von den neuen Besitzern – es handelt sich dabei um Jóhanna und ihren Mann - gefundene Kinderschuh hat seiner, wie sich herausstellen soll, als kleines Kind verstorbenen Schwester gehört. Die Erinnerung an sie, geschweige denn, wie ihr Schuh verlorengegangen ist, hat Hjörvar vollkommen verdrängt, doch nach und nach soll die Wahrheit ans Licht kommen und ihn einholen.

Auch wenn die Auflösung zugegebenermaßen konstruiert wirkt, so schafft es die Autorin, ihre Leser*innen nicht nur einmal zum Erschaudern zu bringen. Man glaubt sich dabei als Leserin direkt in der atemberaubend schönen und gleichzeitig so gefährlichen Landschaft Islands. Aber überzeugt euch selbst!

Prof. Ungerboeck

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