Mieko Kawakami „Heaven“
Mieko Kawakamis Roman „Heaven“ ist ihr Debütwerk. In Japan erschien es bereits 2009. 2008 hat sie einen wichtigen japanischen Literaturpreis gewonnen.
„Heaven“ spielt in Japan und hat Mobbing in der Schule zum Thema. Der Ich-Erzähler, ein vierzehnjähriger Schüler, erzählt die Geschichte, in der es um Mobbing geht, aber auch um Freundschaft und um die Familien der Mobbingopfer.
Der Ich-Erzähler schielt auf einem Auge und wird deshalb zum Opfer für sadistische, gewalttätige Mitschüler und Mitschülerinnen. Er kann sich niemandem anvertrauen, sein Vater ist meist nicht anwesend, und wenn doch, dann interessiert er sich nicht für seinen Sohn. Seine Stiefmutter versorgt ihn zwar gut, aber sie ist keine Vertrauensperson für ihn. So ist er mit seinen Ängsten und seinem Leid allein auf sich gestellt.
Eines Tages findet er eine Nachricht in seinen Schulsachen, die lautet: „Wir gehören zur selben Sorte.“ Es gibt keinen Absender. Für den Ich-Erzähler ist schnell klar, der Absender kann nur ein Mitglied der Klasse sein, das von den anderen auch zum Opfer gemacht wird. Es kann nur seine Mitschülerin Hitomi sein, ein ungepflegtes Mädchen, das dafür verachtet, verspottet und gedemütigt wird.
Hitomis Eltern sind geschieden, sie leidet sehr unter der Trennung von ihrem Vater, mit dem sie sich identifiziert. Ihrem Vater ist Unrecht geschehen, er hat alles verloren. Als Zeichen ihrer Liebe und ihrer Zugehörigkeit zu ihm zeigt sich Hitomi nur ungepflegt, schmutzig und in alten Kleidern, obwohl ihr Stiefvater wohlhabend und angesehen ist und sie zu den privilegierten Schülerinnen gehören könnte. In ihrem Elternhaus hat Hitomi gleichfalls keine Unterstützung.
Beide Familien sind von Beziehungs- und Wortlosigkeit geprägt.
Zwischen dem Ich-Erzähler und Hitomi entsteht eine vorsichtige Freundschaft, sie schreiben einander, treffen sich selten und tun in der Schule so, als hätten sie nichts miteinander zu tun.
Der Ich-Erzähler muss nach einer schweren, ihm von seinen Peinigern zugefügten Verletzung ins Spital. Dort informiert ihn ein Arzt über die Möglichkeit, sein schielendes Auge zu operieren. Als er Hitomi davon erzählt, ist sie enttäuscht und empfindet es fast als Verrat, wenn er den Grund für sein Ausgegrenzt-Sein beseitigen lässt.
Bei einem letzten Treffen, das insgeheim von den Mobbern initiiert wird, weil sie einige Nachrichten entdeckt haben, kommt es zu einer hochdramatischen Szene. Es scheint, als würde Hitomi dabei den Kontakt zu sich selbst und zu ihrer Umwelt verlieren, sie wird ins Krankenhaus gebracht.
Der Ich-Erzähler vertraut sich seiner Stiefmutter an und kurz darauf lässt er sein Auge operieren. Er ist nach gelungener Operation überwältigt von der Schönheit der Welt, die für ihn nun voll sichtbar ist.
Mieko Kawakami hat ein interessantes und erschütterndes Buch über Mobbing unter Jugendlichen geschrieben. Die schnelle, durch die Augenoperation herbeigeführte Wende lässt allerdings viele Fragen offen.
Unbedingt lesenswert!
Prof. Münzer-Jordan